Freiwilligenberichte

rikeUlrike Kühl, Hamburg / September 2014 – Januar 2015

Meine Zeit bei Mati

„Bangladesch?!“ entgegneten mir viele Leute entgeistert, wenn ich von meinem Vorhaben berichtete, mein Praktikum in einem Land zu verbringen, welches bei uns hauptsächlich Schlagzeilen durch ausbeuterische Arbeitsbedingungen in der Textilndustrie, Kinderehen oder Stromausfälle macht. Für mich allerdings lag die Motivation in dieses Land zu fahren unter anderem in der Möglichkeit, Bangladesch von einer anderen Seite kennen lernen zu können, abseits von den Schlagzeilen aus der Presse. Ausserdem wollte ich etwas über das „Alltagsgechäft“ einer NGO erfahen, welche in direktem Konatkt zu den hilfebedürftigen Menschen steht um zu begreifen, wie genau nachhaltige Hilfe zur Selbsthilfe praktisch organisiert werden kann.

Auf der Suche nach einem geeigneten Praktikumsplatz bin ich durch eine Kommilitonin dann schließlich auf Mati gestoßen und um es vorweg zu nehmen, hat sich dies als eine wundervolle und sehr bereichernde Erfahrung herausgestellt.

Mati bot mir die Möglichkeit, im Rahmen meines Studiums der Ernährungswissenschaften eine wissenschaftliche Untersuchung als Grundlage meiner Bachelorarbeit anzufertigen. Somit bestand der Großteil meiner Arbeit darin, die Untersuchung im Millenniumsdorf Harguzirpar zu planen, durchzuführen und auszuwerten. Es ging darum, den Ernährungszustand einer Gruppe von Frauen zu ermitteln, sowie Haushaltsbefragungen durchzuführen, um eventuelle Ursachen einer unzureichen Ernährungsversorgung herauszufinden, und anschließend Lösungen zur Verbesserung dieser zu finden, welche auch im kulturellen Kontext durchführbar sind.

Ich konnte dabei sehr selbstständig arbeiten und habe zum Einen viel über das konzeptionelle Vorgehen gelernt und zum Anderen die praktischen Herausforderungen erfahren, denen man begenet, wenn man eine derartige Untesuchung in einem Land wie Bangladesch ausarbeiten möchte. So muss man die stets in der Uni gelehrte exakte wissenschaftliche Vorgehensweise an die gegebenen Bedingungen anpassen. Man muss dabei akzeptieren, dass es zu Fehlern in der Übersetzung kommen kann, Messdaten ungenauer sind, und stets darauf achten, Fragen so einfach wie nur möglich zu stellen.

Ein weiterer Teil meiner Tätigkeit bestand darin, Interviews mit den Schülern zu führen, welche von Mati durch die finanzille Hilfe von Paten aus Deutschland mit einem Schulstipendium unterstützt werden und anschließend einen Bericht darüber zu verfassen. Diese Interviews stellten eine Möglichkeit dar, den Familien sehr nahe zu kommen und teilweise sehr bedrückende Lebensgeschichten zu erfahren.

So habe ich gerade durch die Gespräche mit den Familien besser verstehen können, was Armut wirklich bedutet. Wenn das Geld gerade einmal für zwei Reismahlzeiten am Tag reicht, bleiben kaum Möglichkeiten, das Schulgeld für die Kinder aufzubringen, und somit fehlt die Grundlage für eine bessere Zukunft. Armut geht immer auch mit einem Mangel an Chancen im Leben einher. Die von Armut betroffenen Menschen sind dabei stets von Sorge und Verzweifung geplagt.

Genau hier versucht Mati anzusetzten, den Menschen Perspektiven zu ermöglichen, damit sie schließlich ihre Situation aus eigener Kraft heraus verbessern können. Die relativ geringe Größe von Mati hilft dabei, den Kontakt zu den Menschen nicht zu verlieren. Die Mitarbeiter wissen um die Geschichten der Menschen, die sie betreuen. So kann gezielt Leuten geholfen werden, die es besonders nötig haben, auch wenn dies in einem Land wie Bangladesch natürlich nur ein Tropfen auf den berühmten heißen Stein sein kann.

Trotz der weit verbreiteten Armut im Land war ich immer wieder von der Herzlichkeit der Bengalen beeindruckt. Leute luden mich zum Tee oder gleich zum Essen zu sich nach Hause ein und freuten sich einfach, einen Bideshi (Ausländer) in ihrem Land begrüßen zu können, denn als Bideshi ist man hier in Bangladesch stets eine Attraktion. Ganz besonders intensiv habe ich dies auf unserer fünftägigen Radtour erlebt, welche Mati organisiert hat, um Aufklärungsarbeit über vermeidbare Augenerkrankungen zu leisten. In der teilwiese sehr ländlich strukturierten Gegend, durch die wir radelten, haben einige Menschen in ihrem Leben noch nie zuvor einen Ausländer gesehen, umso größer war dann das Interesse an uns und somit auch an unserem eigentlichem Anliegen. So versammleten sich dann schnell bis zu 50 Leute um uns herum, die die radelnden Ausländer einmal begutachten und bestenfalls auch gleich fotografieren wollten.

Auf unserer Radtour war ich auch immer wieder von der Schönheit Bangladeschs überwältigt, quer durch sattgrüne Reisfelder, vorbei an Kokosnusspalmen und glitzernden Wasserlandschaften.

Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei Andrea und Lenen dafür bedanken, mir die Möglichkeit gegeben zu haben eine Zeit lang in so einer völlig anderen Welt als der gewohnten zu leben und die bengalische Lebensart ein Stück weit kennen lernen zu dürfen. Auch die vielen lieben Mati Mitarbeiter standen stets zur Hilfe und nahmen jeden neuen Freiwilligen herzlich in die Mati-Gemeinschaft auf.

Ich bin mir sicher auch für andere Freiwillige kann ein Aufenthalt bei Mati eine sehr bereichernde Lebenserfahrung darstellen.

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Milena Göttker, Köln, Deutschland / Oktober 2011– Juni 2012

Reflexion über meine Zeit bei Mati

Mein erster Tag in Bangladesch liegt nun schon über acht Monate zurück, aber es ist noch tief in meinem Gedächtnis, wie mit dem ersten Schritt aus dem Flughafen in die schwüle heiße Oktoberluft mein Aufenthalt hier bei Mati begann. Im Vorhinein war ich dann doch ziemlich aufgeregt: War es die richtige Entscheidung für 8 Monate nach Bangladesch zu gehen? Wie werde ich mit der neuen Kultur, den Menschen und meinen Aufgaben klar kommen? Wird alles gut laufen? Glücklicherweise wurde es gut, sogar besser als je erwartet, wie sich schon bald beim Eintritt ins wunderschöne Mati- Office das erste Mal zeigte.

Freundliche und interessierte Gesichter begrüßten mich von überall und zeigten mir, dass ich, Milena, hier in Bangladesch und bei Mati willkommen war. Es hätte auch anders sein können, aber keiner gab mir das Gefühl, von einem nächsten Freiwilligen genervt zu sein, sondern ich wurde direkt in die große Mati- Gemeinschaft aufgenommen. Schon auf meiner ersten Busfahrt von Dhaka nach Mymensingh konnte ich spüren wie herzlich die Bengalen einen Ausländer aufnehmen. Ohne viele Fragen und ohne Vorurteile, bin ich schon so häufig von fremden Menschen in ihr Haus eingeladen worden und bei einem Besuch musste ich aufpassen, dass die ärmeren Familien, um mir eine Freude zu machen nicht ihre letzte Kuh für mich schlachteten.

Schon oft sind Menschen hier einen großen Umweg für mich gegangen, um mir zu helfen, ohne auch nur irgendetwas dafür zu verlangen. Immer bekam ich einen Sitzplatz angeboten und regelmäßig bildete sich dann ein Kreis von staunenden Menschen um einen, die einen freundlich und neugierig betrachteten. Das Interesse an einem Fremden ist hier noch so groß und unbefangen und die Bengalen begegneten mir als Ausländer eigentlich immer mit gutem Willen, wovon sich die meisten westlichen Länder meiner Meinung nach eine dicke Scheibe abschneiden können. Als Ausländer habe ich mich nie allein und verloren gefühlt, da man fast immer im Mittelpunkt des Geschehens steht, aber gerade das ist auch manchmal schwer. Wegen meiner Haut- und Haarfarbe war ich immer der Fremde, von da drüben, den keiner ganz verstehen kann, dem man aber nahezu alles duldet und den man immer Willkommen heißt. Es störte mich nicht den vielen Kindern, die am Straßenrand stehen und völlig entgeistert bei dem Anblick eines Ausländers erst “Bideshi, Bideshi (Ausländer)” rufen und einem dann aus vollem Herzen “Hello, Tata (= Winke Winke), Goodbye” zu schreien, zurück zuwinken. Ich habe mich sogar eigentlich immer sehr gefreut die lachenden Kinder zu sehen, die sich so schnell freuen können. An schlechten Tagen ist es nur manchmal schwer gewesen, dem gefühlt hundertsten Studenten, der gerne sein Englisch verbessern will und am liebsten direkt noch mit mir befreundet sein möchte, freundlich seine Fragen zu beantworten. Zwischendurch dachte ich, dass es schön wäre, gerade wenn man hier über viele Jahre lebt, auch sein Äußeres, wie ein Chamäleon, an Bangladesch immer mehr anzupassen. So dass man mit der Zeit, wenn man die Sprache und die Kultur besser kennt, auch selbst immer bengalischer wird.

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Franz Thiel, Berlin, Deutschland / Januar – März 2012

Es war ein echter Glücksgriff auf der Suche nach einem interessanten Praktikum im Internet-NGO-Dschungel auf Mati in Bangladesch zu stoßen. Die relativ geringe Größe von Mati, die überwiegend bengalischen Mitarbeiter und eine familiäre Arbeitsatmosphäre ermöglichten mir, viele der unterschiedlichen Arbeitsbereiche dieser am Grassroot-level arbeitenden NGO kennen zu lernen.

Während meines dreimonatigen Aufenthalts leitete ich einen täglichen Englischkurs für sieben Mati-MitarbeiterInnen im Hauptbüro der NGO. Ausserdem umfassten meine weiteren Tätigkeiten Arbeiten an der englischsprachigen Internetseite von Mati, die Durchführung von Monitoring-Interviews für ein Programm zur Stärkung von Frauenrechten, die Mitarbeit an einem Projektbericht, das Mithelfen bei verschiedenen Einzelveranstaltungen und das Lehren von Englisch, Sport und Kunst an Mati’s Dorfschule. Die enge Beziehung zu allen Mitarbeitern und der Leitung von Mati bot ausserdem die Möglichkeit, viele weitere Erfahrungswerte aus dem “Alltagsgeschäft” einer NGO zu gewinnen. Dies wäre sicherlich bei einem kommerzielleren Volunteerprogramm so nicht möglich gewesen.

In unserer Volunteer-Gemeinschaft kam in den ersten Wochen meines Aufenthaltes immer wieder die Frage nach dem Sinn und der Nachhaltigkeit unseres Tuns auf. Etwa wiederholte Gespräche mit Schullehrern über deren Lehrmethoden hatten uns gezeigt, dass wir innerhalb unseres kurzen Aufenthaltes keine plötzlichen Veränderungen der Methoden herbeiführen können. Wir mussten uns Anfangs deshalb immer wieder vergegenwärtigen, dass die Arbeit die wir als Kulturfremde hier für einige Woche oder Monate leisten nur in ihrer Gesamtheit und über einen langen Zeitraum einen Einfluss auf die sich nur langsam verändernde Strukturen in Schule, dem Verhalten oder vielleicht sogar Denken der Menschen vor Ort haben.

Kurzfristige Erfolge waren sicherlich eher in den Erfahrungen vorhanden, die wir als Volunteers dabei bewusst und unbewusst gemacht hatten. Für mich persönlich war dies einerseits zu sehen, dass die Arbeit in weniger strukturierten und vorgefertigten Abläufen sehr gut funktionieren kann, und dass das Engagement in einem Entwicklungsland viel Kreativität und Spontaneität verlangt.

Neben der Arbeit war besonders die Herzlichkeit der Menschen beeindruckend, die es einem in dem fremden Umfeld besonders leicht fallen lässt, schnell neue Freundschaften zu schließen. Andererseits hat mir das rohere und einfachere Leben in Bangladesch gezeigt, dass ich mich zu Hause in Deutschland wieder mehr auf eine gewisse Einfachheit des Lebens konzentrieren sollte; sei es bewusster einzukaufen , zu essen, oder einen bewussteren Umgang mit der Natur zu pflegen. Mir wurde in Bangladesch klar, wie sehr ich diese Werte in den letzten Jahren vergessen hatte, und dass ich mich immer mehr an die Schnelllebigkeit und den Überfluss um mich herum gewöhnt hatte.

Für mich persönlich sehe ich es insgesamt als hervorragende Erfahrung an, dass mein theoretisches Wissen über Entwicklungszusammenarbeit nun eine erste reale Erfahrungsgrundlage bekommen hat. Die längere Arbeit vor Ort in direktem Kontakt mit armen Menschen und ihren Lebensumständen, hat mir zum ersten Mal gezeigt, mit welchen sozialen sowie mentalen Werten und unter welchen ökonomische Notwendigkeiten die Ärmsten der Armen leben.

Ich bin mir sicher dass jeder, der tolerant mit kulturellen Unterschieden umgeht sowie gern im Team arbeitet und lernt eine unvergessliche Zeit in Bangladesch haben wird.

Paul M., März/ April 2010

Am Donnerstag, den 11. März landete ich dann um 10 Uhr morgens in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Trotz meiner 2-stündigen Verspätung wartete ein Mati-Mitarbeiter geduldig am Flughafen, um mich abzuholen. Nach der 16-stündigen Flugzeit ging es nun weiter ins nördlich von Dhaka gelegene Mymensingh. Auf der 3-stündigen Fahrt dahin hatte unser Bus eine Panne, so dass wir unterwegs aussteigen und auf den nächsten warten mussten. Ich hatte gerade vorher im Flieger gelesen, dass das wohl nicht selten passiert.

Im Mati-Hauptbüro angekommen, traf ich Lenen und Andrea, die beiden Mati-Chefs, die anderen Freiwilligen und weitere Mitarbeiter. Dort gab es mein erstes bengalisches Mittagessen – Reis, Dal (Linsenbrei), Spinat, Kartoffeln und Kokosnüsse. In Bangladesch verzichtet man zumeist auf das Benutzen von Besteck. Man zerdrückt mit der rechten Hand das Essen auf dem Teller zu einer Masse und steckt sich dann kleine Portionen davon in den Mund. Die linke Hand bleibt dabei wenn möglich unter dem Tisch, da sie als unrein betrachtet wird. Nach dem Essen ging es weiter mit dem Bus in die ländliche Gegend, in das 2 Stunden entfernte Huzurikanda.

Dort leitet Mati eine Schule, die ohne Schulgebühren betrieben wird, und somit kostenfreie Bildung für die ärmsten Menschen in der Gegend anbietet. Auf dem Schulgelände gibt es Unterkünfte für die Lehrer, von denen die meisten auch dort leben, eine Bibliothek, mehrere Klassenzimmer, eine Außenküche und einen Bungalow, in dem die Freiwilligen und Gäste wohnen können. Den Großteil meiner Zeit in Bangladesch verbrachte ich in Huzurikanda. Dort arbeitete ich mit anderen Freiwilligen zusammen an der Schule: im organisatorischen, pädagogischen und didaktischen Bereich. Wir leiteten regelmäßig Unterrichtsstunden mit den Kindern und betrieben kreative Workshops. So gab es neben dem Unterricht zum Beispiel auch Jonglage-, Erste-Hilfe-, Zeichen-, Theater- und Geographiekurse, die den Kindern und uns viel Spaß bereitet haben. Die Mati-Schule betreut Kinder von der 1. bis zur 7. Klasse. Einige der Lehrer sind selbst noch Studenten und fielen wegen Prüfungen in der Uni manchmal aus, sodass wir Freiwilligen eingesprungen sind und den Unterricht übernommen haben. Die meiste Zeit in Huzurikande habe ich Englischunterricht für die Lehrer angeboten. Obwohl die Lehrkräfte der Mati-Schule im regionalen Vergleich zu den Besten gehören, war es mir möglich deren Englischkenntnisse aufzufrischen und zu verbessern. Ich habe mir kleine grammatische Kerngebiete herausgesucht und sie mit ihnen besprochen, geübt, wiederholt und angewandt. Kreative Unterrichtsmethoden und alternative Lehr- und Lernkonzepte sind in den armen Gegenden Bangladeschs praktisch nicht vorhanden. Es herrscht oft die Praxis des bloßen Auswendiglernens. Frontalunterricht ist die einzige Art, die die Menschen kennen, um Wissen zu vermitteln. Deswegen haben wir versucht selbstständige Denkstrukturen zu schaffen und erhofft, Kreativität bei den Kindern, genauso wie bei den Lehrern, zu wecken.

Trotz der erdrückenden Armut begegnen einem die Bengalen durchweg mit Freundlichkeit und Offenheit. Ich habe die Dorfbewohner als interessierte, herzliche und glückliche Menschen kennengelernt und bin tief beeindruckt von der positiven Lebenseinstellung, die trotz der widrigen Umstände vorherrscht. Wir sind oft mit dem Verantwortlichen der Schule auf den Markt zum Einkaufen gegangen, oder haben kleine Wanderungen in die Umgebung gemacht. So konnten wir Menschen kennenlernen und Orte entdecken, die sich nur weitab touristisch erschlossener Gebiete befinden; sofern man in Bangladesch überhaupt von einem Tourismus sprechen kann.

Zusammenfassend kann ich feststellen, dass das Praktikum eine unglaublich tolle und bewusstseinserweiternde Erfahrung war. Noch nie war ich vorher in einem Land außerhalb des westlichen Kulturkreises und konnte hautnah miterleben, wie die Menschen dort wohnen und arbeiten. Die Eindrücke, die ich so gewinnen konnte, sind für mich heute extrem wichtig und unverzichtbar. Man reflektiert sich selbst und seine eigene Kultur und Lebensweise unter völlig neuen Gesichtspunkten. Ich möchte jedem nahelegen eine solche Erfahrung selbst zu machen und sich einer NGO in einem Entwicklungsland anzuschließen. Ich möchte hier auch die Professionalität und Aufopferung der Mati-Mitarbeiter betonen. Ich habe mich jederzeit gut aufgehoben gefühlt und kann einen Aufenthalt und eine Zusammenarbeit mit Mati nur weiterempfehlen.

Marie Schnoz, Schweiz, Januar – April 2009

Nehmen Sie einen Menschen, rütteln und schütteln Sie ihn kräftig durch: er wird verwirrt sein, wird sich um seine eigene Achse drehen und die Kontrolle über sich selber verlieren. So habe ich mich die ersten Tage in Bangladesch gefühlt. Die Augen und die Ohren öffnen sich, der Kopf und das Herz füllen sich mit unbeschreiblichen Emotionen und Gefühlen. Man bricht in Gelächter aus, und gleichzeitig rollt eine Träne herunter.

Am ersten Tag habe ich mich in mein Zimmer verkrochen und wollte nur noch schlafen. Als ich mich nach einer sehr langen Nacht endlich aus meinem Zimmer wagte, wurde ich in einer grossen und herzlichen Familie aufgenommen, die mich durch ihre sympathische und gut gelaunte Art sehr beruhigt hat. Jedoch war die Anpassung am Anfang gar nicht so einfach: man kennt niemanden, weiss nicht, was vor sich geht und fühlt sich zunächst einmal etwas verloren.

Es ist nicht wirklich möglich den Alltag währen meiner Einsatzes zu beschreiben, da jeder Tag verschieden ist und immer etwas Neues mit sich bringt. Um jedoch, sagen wir mal einen gewöhnlichen Tag zusammenzufassen: nach einer kalten Dusche und einem leckeren Frühstück bleibt man manchmal im “Office”, um Berichte über die Situationen der Frauen und deren Familie zu schreiben oder man besucht die Orte, wo die Mitglieder, die von MATI unterstützt werden, wohnen. Wir suchen bestimmte Frauen oder Kinder, interviewen sie um rauszufinden, in wie fern sich Ihr Leben verbessert hat. Während dieser Besuche erfährt man vieles über die Lebenskonditionen der amen Menschen, sei es in der Stadt oder auf dem Land. Man ist mit dem konfrontiert, was man bei uns gar nicht kennt: das Überleben. “Wie werde ich meine Familie ernähren?”. Diese Frage verfolgt die Armen und markiert mit düsterem Striche ihre Gesichter. Einen Schimmer Hoffnung sehen sie in MATI, dieser Organisation, die ihnen hilft, ihr Leben Schritt für Schritt zu verbessern.

Ich habe gelernt, den Menschen zuzuhören, und mit der Hilfe von Übersetzern mit ihnen zu kommunizieren, um ihr Leid zu verstehen und das Beste zu geben, um es zu lindern. Oft hatte ich Schuldgefühle, weil ich in dieser Gesellschaft geboren bin, in der der Konsum und die Vergeudung König sind, ohne auf das Schicksal anderen Ländern zu achten.

Am Abend, nach einem erfahrungsreichen Tag, hat man Zeit für sich. Man kann mit anderen Freiwilligen in die Stadt fahren, einen “Cha” trinken gehen, Badminton spielen, kochen, lesen oder was auch immer man gerade Lust hat. Ich persönlich war viel in der Stadt unterwegs, weil ich immer etwas neues entdecken wollte und als ich mich Abends in mein gemütliches Zimmer zurückzog, weil meine Augen fast zufielen, den ganzen Geräusche der Nacht zuhörte.

Die Menschen in Bangladesch sind sehr hilfsbereit, freundlich und humorvoll. Es war eine grosse Freude an ihren Witzen und Lachattacken teilzunehmen, oder einfach in ihrer Gegenwart Zeit verbringen zu dürfen. Meine Versuche auf Bangla zu sprechen, scheiterten fast immer, sorgten jedoch meistens für ein freundliches Grinsen, ein Gelächter oder für neugierige Aufmerksamkeit, sei es auf dem Bazar beim Einkaufen, im Zug beim Reisen oder einfach auf der Strasse. Nicht richtig mit den Menschen sprechen zu können, hat mich gelehrt, mit anderen Mitteln zu kommunizieren. Das “Gespräch” endete meistens einfach mit einem Lächeln, das darauf hinwies, dass absolut nichts verstanden wurde, aber ich trotzdem ganz lieb war, es wenigstens versucht hatte, mich in ihrer Sprache zu verständigen.

Als ich mich Abends in mein gemütliches Zimmer zurückzog, unter das Mückennetz kroch und versuchte zu schlafen, hielten mich tausende Geräusche davon ab, die ich in einem Mail an Familie und Freunde zusammengefasst hatte:

“…Abends bin ich meistens ziemlich müde und könnte wie einen Stein schlafen, wenn es nur die Frösche, den Nachtwächter, der mit seinem Stock seine Runden dreht und dabei einen Laut wie “HA HA” von sich gibt, den Muezzin, der von der Moschee aus das Gebet morgens um halb 6 ins Mikrofon singt, der Nachtzug, der Holzwurm in meinem Schrank (habe manchmal das Gefühl, dass es meinen Schrank am nächsten Morgen nicht mehr geben wird) und die heulende Füchse nicht geben würde! …ich werde auf jeden Fall vieles vermissen!”

Bevor ich dann doch noch einschlief, hatte ich Zeit um über den ganzen Tag nachzudenken und es wurde mir jedes Mal klar, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte nach Bangladesch zu gehen, um miterleben zu dürfen, wie eine Organisation ihren Platz gefunden hat, wie der Wille und die Kraft ihrer Mitarbeiter die Möglichkeit auf ein besseres Leben schenkt, tausenden von Menschen hilft und vieles in einem Land, das auf ersten Blick hoffnungslos erscheint, verbessert.

Helena Reingen: 25.07.2008-16.10.2008

Die Ankunft in diesem Land ist sehr anstrengend, und es dauert einige Tage bis Wochen, bis man sich in seinem Umfeld eingelebt hat und etwas orientieren kann. Auch mit dem Wissen, dass Bangladesch das am dichtesten besiedelte Land der Welt ist, sind die Menschenmassen auf Straßen, in Bussen und überhaupt überall sehr gewöhnungsbedürftig. Touristen oder allgemein “Weiße” werden selten gesehen, was scharenweise Menschen um einen versammelt, die lange voller Neugierde starrend um einen verharren. Hinzu kommt die sichtbare Armut überall, der Verkehr, die Abgase, das Hupen, die Angst davor,die vielen schon vorhandenen Dellen und Mängel des eigenen Busses könnten vielleicht nicht die letzten sein. Damit spreche ich aber ausschließlich die Dinge an, die zu Anfang so manchen Ausländer überfordern und abschrecken können.

Die Freundlichkeit und Herzlichkeit der Bengalen hingegen hat mich so sehr beeindruckt, dass sie die als schwierig erlebten Situationen bei Weiten übertreffen und damit meinen Wunsch, den Aufenthalt in Bangladesch zu wiederholen bekräftigt.

Menschen, die in unseren Augen fast nichts besitzen, laden mit strahlend stolzen Augen in ihre Hütten ein und bieten einem Essen an, das sie selbst so viel mehr gebrauchen könnten. Ich habe einzelne Geschichten über Schicksale und deren Kampf ums Überleben gehört, meist ohne Klagen, eher mit stolzem Blick darauf gerichtet was man trotz allem erreicht und gemeistert hat.

Die Armut in Bangladesch ist groß, und durch die gestiegenen Lebensmittelpreise in den letzten Monaten hat sie sich noch verstärkt. Die Menschen arbeiten hart, trotzdem reicht es bei vielen für nicht mehr als einen oder zwei Reistellern pro Tag. Das Einkommen des Mannes reicht meist bei Weitem nicht, um die Bedürfnisse der ganzen Familie zu decken, so dass auch die Kinder zum Familieneinkommen beitragen müssen und damit keine Schulausbildung erhalten können. Für die Erschließung anderer gewinnbringender Einkommensquellen fehlt es den Familien an Kapital und dem Wissen zur Umsetzung. Hier versucht MATI mit Schulausbildung für Kinder, gezieltem Training, Aufklärungsarbeiten und der Vergabe von zinslosen Darlehen an Frauen anzusetzen, und damit einen Grundstein für die Entwicklung derer Familien zu legen.

Während des Aufenthalts als Freiwillige bei MATI wechselt man stets zwischen dem Head Office in Mymensingh und der ländlichen Projektregion in Huzurikanda, was einem unterschiedliche Eindrücke Bangladeschs liefert, und einen mit verschiedenen Aufgaben vertraut macht. Man übernachtet am Arbeitsort selbst und erhält täglich drei sehr gute Mahlzeiten. Am Arbeitsort heißt bezüglich Mymensingh in speziellen Freiwilligenzimmern im Head Office und in Huzurikanda in einem wenige Meter von der Schule entfernten Bungalow für Freiwillige und Gäste.

Die Arbeit im städtischen Mymensingh mit seinen tausenden Rikschas und kleinen Geschäften und dem Komfort des Internetzugangs ist hauptsächlich auf kleinere Arbeiten am Computer beschränkt. In Huzurikanda hingegen wird in der Schule auf dem Projektgebiet unterrichtet.

Durch den Aufenthalt in Huzurikanda kann man in eine Welt tauchen, die den Touristen meist verwehrt bleibt. Man erfährt mehr über das harte Leben, das die meisten Bengalen führen müssen und möchte helfen.

Ich konnte in meiner Zeit in Bangladesch einige Erfahrungen sammeln und viel lernen, über das Land selbs,t über seine Bevölkerung und gleichzeitig über die Arbeit mit der Armut. Ich habe einen Einblick in die Struktur und die Arbeit einer NRO erhalten und habe ein tolles Mitarbeiterteam miterleben dürfen, das ich hoffe irgendwann noch einmal besuchen zu können.

Helena Reingen hat sich nach ihrer Rückkehr aus Bangladesh entschlossen, den Vorstand von Mati e.V. zu verstärken.

Tanja Kämmerer, April – Juni 2006

Ankunft

Bangladesch! Alles, was ich über dieses kleine Land am Golf von Bengalen wusste, beruhigte meine Nerven vor der Abreise nur wenig: schlimme Flutkatastrophen, Regenfälle von mehreren Metern, Armut und Überbevölkerung. Worauf hatte ich mich da nur wieder eingelassen?

Am frühen Morgen befanden wir uns im Landeanflug, und ich erhaschte den ersten Blick auf mein Zielland: grüne Felder, viel Wasser und weit und breit keine Städte. Sofort stellte sich ein beruhigendes Gefühl des Angekommenseins ein. Mit Freude dachte ich an die drei bevorstehenden Monate und die Aufgaben, die mich erwarteten.

Mymensingh

Die ersten Wochen blieb ich im Hauptbüro in Mymensingh und lebte mich langsam in die neue Umgebung ein. Meine Hauptaufgabe im Büro bestand aus PC-Arbeit. Zur Eingewöhnung war das optimal, da das heiße, humide Klima und die Zeitumstellung ihren Tribut forderten. Zusammen mit einer zweiten Praktikantin verfasste ich Reports für das Schulförderprogamm AsharAlo, in denen wir die Familienverhältnisse einzelner Mati-Schüler beschrieben. Diese Kinder waren begabt und an einer höheren Schulbildung interessiert, stammten jedoch aus ärmlichen Verhältnissen. Um ihre Weiterbildung sicherzustellen, werden Paten gesucht, denen die Berichte vorgelegt werden. Neben Internetrecherchen zu verschiedensten Themen legten wir eine Info-Mappe für künftige Praktikanten an. Diese enthält neben Fakten zu Geographie, Klima und Kultur Bangladeschs natürlich auch Informationen zur Arbeit von Mati, Karten und Tipps zur Vorbereitung auf das Praktikum und zur Anreise. Besonders viel Spaß hatte ich beim Entwerfen eines Flyers für ein Mati-Projekt, für das wir auch die notwendigen Fotos selber machten.

Die Arbeit im Büro war zwar interessant und wichtig, aber innerlich fieberte ich einem Arbeitseinsatz vor Ort entgegen. Schließlich wollte ich die Menschen kennenlernen, für die Mati arbeitet und die an den Projekten teilnehmen, die ich nur aus der Theorie kannte.

Huzurikanda

Wesentlich spannender für mich war natürlich das Projekt in Huzurikanda, einem kleinen Dorf nordwestlich von Mymensingh. Alleine die Fahrt dorthin ist schon ein Abenteuer für sich: eine Stunde mit dem Bus und dann noch 40 Minuten mit dem Rickshaw-Van. Das Projekt besteht aus einem Schulgebäude, Büroräumen, Unterkünften für die Angestellten, Obstplantagen und Gemüsefeldern. Wir Praktikanten wurden in einem extra Gebäude untergebracht, das durch einen kleinen Pfad vom Zentrum des Geschehens getrennt ist. Dadurch konnten wir uns wenigstens ab und an etwas Freiraum und Privatsphäre schaffen, da die neugierigen Fragen und Blicke der Einheimischen manchmal einfach zu viel wurden.

Unsere Hauptaufgabe bestand darin, Daten für einen neuen Projekt-Antrag zu sammeln. Zwei Wochen lang besuchten wir täglich mehrere Frauengruppen und führten Interviews mit einzelnen Frauen durch. Ziel der Gespräche war es, die Einkommens- und Lebensverhältnisse extrem armer Familien in der Region um Huzurikanda zu dokumentieren. Der Fragebogen umfasste fünf Seiten und erfasste jeweils die Daten einer Kernfamilie. Mir wurde ein Übersetzer zugeteilt, mit dem ich jeden Morgen zu Fuß oder Fahrrad die einzelnen Frauen besuchte. Bereits auf dem Weg dorthin wurden wir von allen Seiten begrüßt. Am Ziel angekommen, versammelte sich gleich das halbe Dorf um uns und begutachtete den fremden Besuch. Geduldig beantwortete ich die typischen Fragen zu Namen, Familiensituation, Herkunftsland, Bildung und Alter.

Immer wieder war ich überrascht, wie bereitwillig mir fremde Menschen über ihr Leben und Einkommen, sogar über ihre Familienplanung, Auskunft gaben. Die Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Bengalen fiel mir immer wieder positiv auf und machte meinen Aufenthalt zu einem wunderbaren Erlebnis.

Fazit

Ein Praktikum in einem fremden Land ist eine wunderbare Erfahrung, die nicht nur für die berufliche Laufbahn wichtig ist, sondern auch für die persönliche Entwicklung. Die Arbeitsweisen und kulturellen Eigenheiten, die ich in Bangladesh kennen lernte, unterscheiden sich sehr von den unseren. Manchmal fiel es mir schwer, die nötige Geduld aufzubringen, um mit den Menschen zu arbeiten ohne über sie zu urteilen oder mich über sie zu stellen. Doch gerade die Konfrontation mit dem Fremden und Anderen ist es, die zu Diskussionen mit Kollegen anregt und meine eigene bzw. die europäische Sicht auf die Dinge hinterfragt.

Mir haben die drei Monate bei Mati sehr gut gefallen, ich habe viele schöne Erfahrungen gemacht und neue Freunde gefunden. Diese Zeit und dieses Land werden immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben.

Anna Bader, Workcamp September 2006

Mein 4-wöchiger Aufenthalt in Bangladesh im September 2006 war aufregend, lehrreich, spannend und manchmal schwierig.

Direkt nach der Ankunft in Dhaka und auf der Weiterreise nach Huzurikanda spürte ich eine fast beängstigende Befremdlichkeit, die mit Sicherheit durch die sprachliche Barriere entstand. Das Gefühl der Ohnmacht verstärkte sich, als wir eine Pause einlegten und einige blinde Bettler sowie ein Mann ohne Beine, der sich auf einer Art Tablett mit Rädern am Boden fortbewegte, Almosen von uns erbaten. Ich war außerstande “danke”, “bitte” oder “Entschuldigung” zu sagen, Worte, die mir banal erscheinen, aber offensichtlich eine Magie besitzen, Misstrauen und Distanz zwischen Menschen abzubauen. Hinzukommt, dass ich das typische Wackeln des Kopfes nicht als Zeichen der Zustimmung deuten konnte, da es dem europäischen Kopfnicken so fremd ist…

Auch das Rickshawfahren war gewöhnungsbedürftig:

Ich fühlte mich wie ein König, der auf einer goldenen Kutsche durch sein Reich gefahren wird und sich dabei zutiefst schämt, König zu sein. Bis zum Ende meines Aufenthaltes hat mich jedes Mal als Rikshawpassagier ein etwas seltsames Schuldgefühl beschlichen, so dass ich einmal sogar – wir waren zu dritt, in Eile und offensichtlich zu schwer für den älteren Mann- von der Rikhsaw sprang und nebenher joggte.

Als wir im Projekt direkt ankamen, begrüßten uns die Kinder von allen Seiten mit “hello, how are you?” und lernten zum ersten Mal auch die MATI Staff kennen. Doch die Namen derer, die uns in den folgenden Wochen als Übersetzer, Organisatoren, Köche, Ratgeber, Begleiter und als Freunde zur Seite stehen würden, konnten wir erst nach mehrmaligen Nachfragen auswendig aufsagen Alle begegneten uns mit einer außergewöhnlichen Warmherzigkeit, Neugierde und Geselligkeit.

Dennoch dauerte es einige Zeit, bis wir uns an die immerwährende Hitze, die nie trocknenden Klamotten, die zahlreichen Moskitos, die Mäuse und die Bucket System Dusche gewöhnt hatten. Und auch die exzessive Singlust der Bengalen war uns bis dahin fremd. Allerorts und jederzeit lauerte uns das heimtückische “You… sing!!!” auf, verbunden mit einem flehenden und gleichzeitig insistierenden Blick aus großen braunen Augen, die man einfach nicht enttäuschen wollte. So sangen wir Über den Wolken, die deutsche Nationalhymne und im schlimmsten Fall Marmor Stein und Eisen bricht… Egal wie fürchterlich der Gesang, man erntete stets ein bewunderndes “khub shundor” und als Dank eine oder auch etliche bengalische Darbietungen.

Der Englischunterricht war ebenfalls eine neue Herausforderung. Alle drei Gruppen waren außerordentlich motiviert, so dass auf eine Frage nicht eine Person, sondern gleich alle und zwar zur selben Zeit antworteten. Es war etwas schwer den Mund zu lokalisieren, der die richtige Antwort parat hatte. Auch hier waren musikalische Einlagen wie “Häääääd and shoulders, knees and toes, knees” oder “a, b, c, d, e, f, g…..z..now I know the alphabet” gerngesehene Highlights, insbesondere mit dazugehöriger Performance. Ansonsten gehörten zu den Unterrichtsthemen die Uhrzeiten, der Kalender, Zahlen und Alphabet, Konjugationen, Dialoge, Körperteile und die Verbesserung der Aussprache. Die fortgeschrittene Gruppe der Lehrer sog didaktische Grundlagen des Englishlehrens in sich auf oder diskutierte hitzig über aktuelle Zeitungsartikel über die Vor- und Nachteile der Garments Factories.

Ich muss bilanzieren: Ich habe definitiv mehr gelernt als gelehrt. Mit der Zeit erweiterte ich mein Banglavokabular, verstand besser und wurde mit den Gewohnheiten vertrauter. Mit Freude nahm ich Einladungen an, wurde überall herzlich empfangen und in manchen Häusern versprachen gar die Frauen für mich zu beten, dass auch ich möglichst bald einen Ehemann finden solle. .Mit Freuden kaufte ich auf dem Markt ein, um zu feilschen, traditionelle Kleidung wie Shari und Lungi zu erwerben, und meine Freundin Kushed zu treffen. Die Herrscherin des Chondrokona Marktes hatte mich so sehr ins Herz geschlossen, dass sie mir stets aushalf, mir einen Shari schenkte und sogar eine Ziege für mich schlachtete.

Doch am meisten genoss ich die gleichwohl erstaunten als erfreuten Blicke angesichts meiner fast tadellosen Banglakenntnisse. Diese verdankte ich dem Kauderwelschführer und meinem Lehrer Munna im gleichen Maße.

Etwas schade waren unterschwellige Unstimmigkeiten innerhalb der Gruppe. Vielleicht hätten sich diese Probleme reduzieren lassen können, wenn alle Freiwilligen am sehr hilfreichen Vorbereitungskurs in Wiesbaden teilgenommen hätten und man sich bereits vorher etwas gekannt hätte. Um den Konflikten zu entgehen, stürzte ich mich mehr und mehr ins bengalische Leben, durfte Teil haben an Einzelschicksalen, fand viele Freunde und trank fleißig dud-cha.

Der gefürchtete Tag des Abschiedes stand schließlich vor der Tür, und obwohl wir früh morgens das Projekt verließen, sind all unsere Freunde und Nachbarn in ihrer besten Garnitur gekommen, um uns zum Abschied selbst gemalte Blumen oder Liebeserklärungen mit auf den Weg zu geben. Ich fürchtete in meiner Traurigkeit zu ertrinken, doch in Wirklichkeit war die Quelle der Tränen eine tiefe Dankbarkeit über mein großes Privileg für einen Monat lang Teil dieser Welt gewesen zu sein.